Ich sage dir hier nicht einfach «kastrier deine Hündin nicht». Ich will dir erklären, warum eine Kastration Nachwirkungen haben kann und worauf du danach achten solltest. Dafür stellen wir uns den Körper deiner Hündin als Stadt vor.
Lieber schauen statt lesen?Das ganze Video auf YouTube ansehenDie MetapherDie Stadt und ihr Rathaus
Der Körper deiner Hündin ist eine lebendige, geschäftige Stadt mit Millionen von Einwohnern: den Zellen. Wie die Läden und Bewohner einer Stadt müssen sie beliefert werden, sie wollen essen, trinken und versorgt sein. Jeder hat seinen Job.
Ganz oben im Rathaus sitzt die Chefetage. In der Medizin heisst sie Hypophyse, eine winzige Drüse im Gehirn, die das grosse Ganze steuert. Sie entscheidet nicht selbst, was gebaut wird. Sie gibt Aufträge an zwei Boten:
- FSH, das follikelstimulierende Hormon. Er reitet zu den Fabriken am Stadtrand, den Eierstöcken, und überbringt den ersten Auftrag: Eizellen heranreifen lassen und Östrogen produzieren. Er ist der Bote, der den Frühling bringt.
- LH, das luteinisierende Hormon. Er kommt etwas später und bringt den zweiten Auftrag: Jetzt ist Eisprung, stellt Progesteron her. Er läutet den Sommer ein.
Chefetage und Fabriken reden ständig miteinander. Die Fabriken melden zurück, wie viel Östrogen oder Progesteron sie produziert haben, und die Chefetage passt ihre nächsten Aufträge daran an. Ein ständiges Hin und Her.
Der ZyklusFrühling, Sommer, Herbst und Winter
Gemeint sind nicht unsere Jahreszeiten, sondern die vier Phasen im Zyklus der Hündin. Er wiederholt sich etwa alle sechs bis sieben Monate, also meist zweimal im Jahr.
Der Herbst überrascht viele Besitzerinnen von unkastrierten Hündinnen. Der Körper unterscheidet in den ersten Wochen hormonell kaum zwischen trächtig und nicht trächtig. Er bereitet sich so oder so vor. Darum werden so viele Hündinnen scheinträchtig: mit Milch, Nestbau, Anhänglichkeit. Das ist Biologie und normal. Ich erkläre mir das so: Im Rudel bekommt die Chefhündin Welpen, und die anderen Hündinnen pflegen sie mit.
Ganz still stehen die Fabriken im Winter aber nicht. Östrogen und Progesteron werden weiter produziert, weil sie noch ganz andere Aufgaben haben. Und das ist der Teil, der mir am wichtigsten ist.
Die erste Frau in der FabrikÖstrogen, die Baumeisterin
In den Fabriken arbeiten zwei Spezialistinnen. Die Chefetage denkt, die beiden kümmern sich nur um die Fortpflanzung. In Wahrheit halten sie die halbe Stadt am Laufen, und da hat das Gehirn kein Mitspracherecht.
Die erste ist das Östrogen, die Baumeisterin. Jeden Tag zieht sie mit dem Werkzeugkasten durch die Stadt und schaut nach dem Rechten.
Station 1: die Fundamente
Das sind die Knochen. Viele denken, Knochen sei totes Gewebe. Falsch. Knochen wird lebenslang umgebaut, sonst würden Brüche nicht heilen. Die Baumeisterin sorgt dafür, dass mehr aufgebaut als abgerissen wird. Sie lagert Kalzium ein und verdichtet die Struktur. Ohne sie geht der Abriss schneller als der Aufbau, und die Fundamente werden brüchig. Bei grossen, schweren Rassen ist das besonders ein Problem.
Station 2: Wände und Rohre
Das sind Haut, Schleimhäute und die Blasenschleimhaut. Die Baumeisterin hält alles elastisch und dicht, sie streicht die Wände und dichtet die Fugen ab. Ohne sie werden die Schleimhäute von Blase und Harnröhre dünner, der Verschlussmechanismus verliert an Spannung, und irgendwann tropft es. Die Harninkontinenz ist eine der bekanntesten Folgen, besonders bei grossen Rassen. Nebenbei räumt die Baumeisterin auch kleine Schäden auf, bevor sie gross werden. Östrogen wirkt entzündungshemmend.
Station 3: Strassen und Wasserleitungen
Das sind das Herz und die Gefässe. Die Baumeisterin hält die Gefässwände geschmeidig, damit die Durchblutung fliesst. Das merkt man nicht von einem Tag auf den anderen. Aber du kennst das von abgelegenen Dörfern: Langfristig macht es einen Unterschied, ob jemand die Strassen pflegt.
Station 4: der Kontrollraum
Diese Station kennen die wenigsten. Östrogen beeinflusst die Stimmung und über das Kleinhirn auch die Feinmotorik. Fällt die Baumeisterin weg, können manche Signale durcheinandergeraten. Das erklärt, warum manche Hündinnen nach einer Kastration ihr Verhalten verändern. Nicht die Regel, aber möglich.
Die zweite Frau in der FabrikProgesteron, die Nachtwächterin
Wenn die Baumeisterin am Abend ihren Werkzeugkasten wegstellt, zieht die Nachtwächterin los, das Progesteron. Mit der Laterne in der Hand geht sie von Tür zu Tür und sagt den aufgeregten, gereizten Einwohnern: «Alles ist in Ordnung. Ihr könnt euch entspannen.» Sie dimmt die Lampen und senkt den Lärmpegel.
Progesteron wirkt angstlösend, wie ein natürlicher Puffer gegen Stress und Reizbarkeit. Ist deine Hündin in bestimmten Phasen des Zyklus besonders ausgeglichen, ist das die Nachtwächterin bei der Arbeit. Sinkt das Progesteron, kann es in die andere Richtung kippen. Das kennen wir Frauen übrigens auch.
Ich muss relativieren: Progesteron ist nicht der einzige Beruhiger, da arbeiten immer ganze Gruppen zusammen. Aber du solltest wissen, dass eine Kastration das auslösen kann. Und ich habe auch erlebt, dass Hündinnen danach ruhiger werden.
Bonny hatte bis neun keine Probleme mit ihrer Läufigkeit. Sie war ein sehr unkomplizierter Hund. Dann bekam sie eine Gebärmuttervereiterung und musste notfallmässig operiert werden. Ich hatte riesig Angst, dass sie danach grosse Probleme hat. Stattdessen wurde sie komplett ruhiger, weil der Zyklus im Alter nicht mehr so mitspielte. Früher hätte ich sie nicht kastrieren lassen, im Alter war es für sie eher gut. Ich habe sie alternativ unterstützt und ein Auge auf Blase und Gefässe gehabt.
Etwa zwei Jahre später bekam sie ein Vestibulärsyndrom. Ich vermute, dass das mit dem Absinken von Progesteron und Östrogen zusammenhing. Das ist meine Theorie, weder belegt noch sonst irgendwas. Aber hätte ich damals gewusst, was ich heute weiss, hätte ich sie wohl gezielter unterstützt.
Die Hormone selbst kann man nicht ersetzen, das könnte nur der Tierarzt. Aber manche Folgen kann man mit Alternativmedizin abfedern.
Was dann passiertWenn die Fabriken schliessen
Bei einer Kastration werden die Eierstöcke entfernt. Die Fabriken werden von einem Tag auf den anderen geschlossen, die Tore gehen zu, ein Schild hängt dran. Baumeisterin und Nachtwächterin sind entlassen. Niemand pflegt mehr die Fundamente, niemand dichtet die Rohre ab, niemand beruhigt in der Nacht die Einwohner. Was passiert in der Stadt?
Ich habe zehn Jahre als Hundecoiffeuse gearbeitet. Darum bin ich kein Fan davon, Rassen wie Spitz oder Husky kastrieren zu lassen, wegen des Fells. Zwei meiner Spitze kommen aus dem Tierschutz und sind kastriert. Auch da kann man unterstützen.
Und oben im Rathaus merkt die Chefetage, dass etwas nicht stimmt. Die Rückmeldungen bleiben aus. FSH und LH rennen los, um Aufträge zu erteilen, doch es kommt nichts zurück. Deshalb bleiben sie dauerhaft erhöht, und auch das kann Auswirkungen auf den Körper haben.
Kein Entweder-oderWann die Kastration nötig ist
Es gibt Gründe, warum die Fabriken schliessen müssen. Bei Tumoren an den Eierstöcken, bei Gebärmutterentzündungen und bei bestimmten hormonabhängigen Erkrankungen ist die Kastration nicht nur sinnvoll, sondern notwendig.
Natürlich ist der Körper nicht nur auf ein Hormon angewiesen, es gibt immer andere, die das Ganze abrunden. Aber man nimmt ein Stück aus einem Kreislauf heraus. Solange der Hund stabil ist, ist das völlig in Ordnung. Meistens merkt man es im Alter, und darum lohnt es sich, frühzeitig zu unterstützen.
Progesteron und Östrogen tun viel mehr, als wir eigentlich wissen und ahnen.
Das behältst du im Auge
- Fundamente: Knochen
- Vorräte: Gewicht und Stoffwechsel, auch eine Schilddrüsenunterfunktion
- Rohre und Wände: Haut, Schleimhäute, Blasenschleimhaut
- Fassaden: Fell und Haut
- Mauern: Bindegewebe
- Stimmung: Wird deine Hündin ängstlicher oder reizbarer?
Schau nach der Kastration genau hin und unterstütze bei Bedarf.
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Dieser Artikel ersetzt keine tierärztliche Untersuchung. Bei akuten Beschwerden wende dich an deine Tierärztin oder deinen Tierarzt.
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